Fachinformation Pädagogik
I. Ausgangssituation der Kinder und Jugendlichen vor einer Heilmaßnahme
Bei einer Auswertung der Ausgangssituation der Kinder und Jugendlichen vor Beginn einer Heilmaßnahme sind eine Reihe von Parallelen zu beobachten, die nachfolgend kurz aufgeführt sind:
Nahezu allen Heilmaßnahmen voran steht der Versuch der Eltern, die aufgetretene Krankheit ihres Kindes am Heimatort durch ambulante Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Im Laufe der Monate und Jahre summiert sich die Anzahl der Arztbesuche und in vielen Fällen auch der Krankenhausaufenthalte am Heimatort. Erst die späte - teilweise oft auch zu späte - Erkenntnis, daß alle diese Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg zeigen, führen letzlich zur Beantragung einer Rehabilitationsmahnahme.
Aus psychologischer Sicht sind diese vergeblichen Bemühungen stets mit einschneidenden Frustrationserlebnissen verbunden, die wiederum nicht ohne Einfluss auf das weitere körperliche und seelische Wohlbefinden des Kindes bleiben. Hier wird die Wechselbeziehung zwischen Krankheit und den Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden deutlich.
Die zunehmende chronische Erkrankung stellt gerade für junge Menschen eine starke psychische Belastung dar, was sich wiederum negativ auf den Verlauf der Erkrankungen auswirkt. Der überholte und dennoch häufig anzutreffende Diskussionsansatz, dass Asthma "psychisch bedingt" sei, unterstellt einen einseitigen Kausalzusammenhang und übersieht deshalb den eigentlichen Charakter dieser Wechselbeziehung.
Kinder und Jugendliche durchlaufen naturgemäß verschiedene Entwicklungsphasen, die für das weitere Leben von entscheidender Bedeutung sind. Asthma bronchiale sowie ein Ekzem mit Rückfallsneigung empfinden sie als hartnäckiges und lästiges Übel, das sich nicht abschütteln läßt.
Kinder und insbesondere Jugendliche haben ein hohes Maß Akzeptanzbedürfnis insbesondere bei Gleichaltrigen. Sie neigen deshalb häufig zum Überspielen der Krankheitssymptome wie z.B eine auftretende Atemnot. Die Folge davon ist, dass sich Jugendliche selbst gefährden, indem sie ihre reduzierte Leistungsfähigkeit falsch einschätzen.
Eine andere Gefährdung ergibt sich für Kinder und Jugendliche durch vorhandene Minderwertigkeitsgefühle aufgrund eines starken Hautekzems. Hier besteht die Gefahr, dass sie sich von Gleichaltrigen völlig abkapseln und zunehmend zu Außenseitern in der Schulklasse oder der Freizeitclique werden. Die Konfliktsituation, der sich Jugendliche nun ausgesetzt sehen, ist aus ihrer subjektiven Wahrnehmung heraus von größter Bedeutung.
Nimmt ein Jugendlicher z.B. an einer Party oder einem Disco-Besuch teil, setzt er sich hierdurch möglicherweise einer lebensbedrohlichen Gefährdung durch schlechte Atemluft und insbesondere durch den unvermeidlichen Zigarettenrauch aus. Schlägt er jedoch die Einladung aus und meidet dadurch den Kontakt zu Gleichaltrigen, verliert er ein hohes Maß an Lebensqualität.
Die gleiche Situation besteht auch im schulischen Bereich. Das Bedürfnis nach schulischem bzw. sportlichem Erfolg steht einer deutlichen Leistungsminderung gegenüber. Das Selbstwertgefühl eines Schülers hängt u.a. von seiner Leistungsfähigkeit ab. Auch das Wissen um die Tatsache, dass er möglicherweise aufgrund seiner Begabung in der Lage wäre, erheblich bessere schulische Leistungen zu erbringen, wenn der Körper nur mitspielen würde, muß psychisch verarbeitet werden.
Fast alle Eltern, deren Kinder über einen längeren Zeitraum an Asthma bronchiale leiden, neigen dazu, die Kinder zu überbehüten. Ursache hierfür ist der verständliche und häufig unbewußt ablaufende Versuch, krankheitsbedingte Defizite des Kindes durch eigene Aktivitäten auszugleichen. Die Folge davon ist in vielen Fällen, dass die Kinder lernen, in schwierigen Situationen die Verantwortung an die Eltern abzugeben. Darüber hinaus sind sie wenig kompromissfähig und weisen damit in einer Gruppe mit Gleichaltrigen Defizite im Sozialverhalten auf, die ihre Gruppenfähigkeit beeinträchtigen.
II. Folgerungen für das pädagogische Handeln während der Heilmaßnahme
Im Gegensatz zu der Situation am Heimatort ist es während eier Heilmaßnahme "normal", krank zu sein. Da alle Kinder und Jugendlichen vergleichbare Krankheiten haben, ist es überflüssig, diese zu verheimlichen oder zu überspielen.
Aus Sicht der Kinder stehen neben der zentralen Bedeutung der medizinischen Untersuchungen und Rehabilitationsmaßnahmen während des Aufenthaltes in Santa Maria Gruppenaktivitäten und Freizeitangebote im Vordergrund. Dieser Charakter einer Art "Ferienfreizeitmaßnahme" in Verbindung mit einer optimalen medizinischen Versorqung ermoglicht im Gegensatz zu einem stationären Aufenthalt in einem Krankenhaus am Heimatort, dass keine ständige Fixierung auf die eigene Krankheit gegeben ist.
Kinder und Jugendliche spielen, basteln, singen, wandern schwimmen u.v.a., ohne dass ihr Asthma oder ihr Ekzem eine vordergründige Bedeutung hat. Die Krankheit ist da, und das Kind lernt, mit ihr zu leben, ohne sie zu verdrängen.
Bei dem Therapieansatz unserer Klinik sind alle Faktoren von Bedeutung, die dem Kind oder dem Jugedlichen helfen, neben der körperlichen Rehabilitation sein psychisches Gleichgewicht wieder zu erlangen.
Hierzu gehören:
Alle Formen der Wissensvermittlung im Rahmen unserer umfangreichen Schulungen zur kognitiven Verarbeitug der Erkrankung. Informationen über das Krankheitsbild, über allergieauslösende Faktoren, über die potentielle Gefährdung des Rauchens insbesondere beim Vorliegen einer "Überregbarkeit" der Lunge.
Weiterhin zählen hierzu eine individuelle Ernährungsberatung bis hin zur Zubereitung spezieller Allergie-Essen in einer Lehrküche unter Anleitung von Diätassistentinnen.
Alle Formen der körperlichen Betätigung in der Kombination zwischen sportlichen Aktivitäten, Entspannungstraining und Atemübungen. Von großer Bedeutung ist hier der Abbau von konditionierten Reaktionen des Körpers, da gelernt wurde, dass bei sportlicher Betätigung mit asthmatischen Beschwerden gerechnet werden muss. Dies wird erreicht durch schrittweises Herantasten an die eigenen Leistungsgrenzen in Verbindung mit einem zunehmenden Vertrauen in den Schutz der verordneten Medikamente. Der Abbau dieser Ängste wirkt sich nachweislich positiv auf den weiteren Verlauf der gesundheitlichen Rehabilitation aus.
Bei Jugendlichen ist die richtige Berufswahl von existentieller Bedeutung. In vielen Fällen wird bei der Berufswahl das Krankheitbild eines Jugendlichen nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Die Folge sind schwerwiegende soziale Konflikte, wenn sich nach Jahren der Ausbildung herausstellt, dass ein erlernter Beruf nicht weiter ausgeübt werden kann.
Wir bieten deshalb während der Heilmaßnahme eine gezielte indikationsbezogene Berufsberatung in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt an. Auf diesem Wege wurde bei zahlreichen Jugendlichen eine falsche Weichenstellung für das spätere Berufsleben vermieden.
III. Freizeittherapeutische und psychotherapautische Interventionen
Die Freizeitrehabilitation läuft hierbei in unserer Klink auf zwei verschiedenen Ebenen ab:
Zunächst wird ein pathologisches, d.h. krankheitserhaltendes Freizeitverhalten abgebaut. Hierunter fallen alle Aktivitäten, die den Krankheitsverlauf des Patienten in irgendeiner Weise beeinträchtigen. Hierzu zählt insbesondere das Rauchen bei Asthmatikern sowie eine falsche Ernährung bei Patienten mit Lebensmittelallergien.
Parallel hierzu wird in Trainingsgruppen sowie in Diätgruppen erlernt, welche Alternativen im Freizeitverhalten sich bei den Jugendlichen anbieten.
Die in unserem Hause durchgeführten Aktivitäten unter der Anleitung von geschulten Sozialpädagogen und Erziehern sind so umfangreich, dass sie hier nur stichwortartig aufgezählt werden können. Im einzelnen handelt es sich z.B. um Erlebniswanderungen in die Allgäuer Bergwelt, Tagesausflüge mit den hauseigenen Mountain-Bikes, Rafting, Klettern, Ski-Langlauf sowie Ski Alpin, Tanzkurse für Jugendliche, Selbstverteidigungskurse für Anfänger, Töpfern, Seidenmalerei und vieles andere.
Der entscheidende Aspekt ist hierbei, dass in jedem Einzelfall die Sozialpädagogen und Gruppenbetreuer die psychosoziale Situation der Patienten einbeziehen und in Verbindung mit der ärztlichen Untersuchung über die körperliche Belastbarkeit des Jugendlichen Ziel und Umfang der flankierenden freizeittherapeutischen Maßnahmen festlegen.








